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Unlängst zierte er die Titelseite des Rolling Stone (der dürfte inzwischen auch schon mindestens halb so alt sein wie der Künstler) [älter, 44 nämlich; Red.] - und die Überschrift war schlichtweg peinlich: "Bob Dylan - Gott oder Scharlatan?". Weder noch! Darin waren sich sogar die Autoren des Blattes einig - und keiner hatte so richtig was an ‚His Bobness' zu bemäkeln. Mit dieser Prämisse hätte man genauso eine Debatte darüber führen können, ob Osama bin Laden zu bekifft war, um das amerikanische Killerkommando an seiner Haustür rechtzeitig zu bemerken. Ergebnis: er ist tot - basta! Also, da wir die verehrten Besucher der Home-of-Rock-Page nicht mit hypothetischen Pseudodiskussionen langweilen möchten, beginne ich meinen Beitrag zum runden Purzeltag von Mr. Zimmermann einfach mit meiner persönlichen Dylan-Geschichte.
Die erste Dylan-LP, die ich mir pressfrisch im Plattenladen besorgt habe, und die mir den Weg ins gelobte Land einer lebensbegleitenden Beschäftigung mit seiner Musik und seiner Person ebnete, war 1980 "Saved" - seine zweite "fromme" Platte. Gospelrock pur, mit einer Eindeutigkeit in der Aussage seiner Songs, wie er sie eigentlich nur auf "The Times, They Are A-Changin'" im Jahre 1964 an den Tag gelegt hat. Und - auch das ist bezeichnend für den Künstler Bob Dylan - genauso eindeutig politisch die Songs auf "Times A-Changin'" waren, so eindeutig schlug er danach einen ganz neuen Weg ein und lief erst richtig zu seiner eigenständigen Hochform im Songwriting auf: Weg vom plakativen Politklampfer, hin zum lyrischen Songwriter, der scheinbar mühelos bis heute Songs schreibt, die ihm den Dauerplatz in der Walhalla der besten Liederschreiber der Welt und einen ewigen Warteplatz auf den Nobelpreis der Literatur gesichert haben (der Pulitzer-Preis ist immerhin schon sein eigen). Lyrics, die den Namen verdient haben, Songzeilen, so kryptisch wie von Wahrsagerinnen aus der griechischen Mythologie. Oft genug aber auch unmissverständlich auf den Punkt. Jedes neue Album löste einen Grabenkampf unter den Fans aus, so war es auch mit "Saved", von Kritikern verschmäht, die Songs live alles andere als umjubelt. Die deutsche Presse schrieb gar: "Wir brauchen keine gospelsingende Mickymaus...". Sogar der Plattenfirma war das Cover zu eindeutig, nur in der Erstauflage war das Bild mit der ausgestreckten Hand zu sehen - alle Nachpressungen zierte das gemalte Innencover: Dylan mit Strat und Harmonica. Einige Alben später setzte der Meister dann Meilensteine wie "Infidels", "Time Out Of Mind" oder "Love And Theft". Mit "Together Through Life" und dem Weihnachtsalbum "Christmas In Your Heart" (2009) ist die Reihe der regulär erhältlichen Alben inzwischen auf 56 Stück angewachsen.
Zurück zu 1980. Innerhalb kürzester Zeit liefen bei mir auf dem Plattenteller "Slow Train Coming", "Before The Flood" und nahezu alle Alben seiner ersten 10 Jahre. Live bekam ich ihn erstmals am 15.9.1987 in Dortmund zu sehen - mit Roger McGuinn und Tom Petty. Zugegeben, kein guter Einstieg, um ein Dylan-Fan zu bleiben. Es war die Zeit von Dylans Lustlosigkeit auf der Bühne und mit seine unkreativste Ära was die Songs betraf. Lange bevor er dank der TRAVELLING WILBURYS sowas wie Spielfreude wiederentdeckte und im Laufe der bis heute andauernden Never-ending-Tour sein Publikum tatsächlich wahrzunehmen schien. In Dortmund damals jedenfalls Fehlanzeige: Keine Ansagen zwischen den Songs, kein Hallo und kein Auf Wiedersehen. Sieht so eine Legende aus? Ein Künstler, der Musikgeschichte geprägt hat? Ja, denn er zeigt die ganze Widersprüchlichkeit von Authentizität, Big Business, Charisma, Egozentrik und Schicksalsergebenheit eines Musikers, der als Emporkömmling einer jüdischen Mittelschichtsfamilie eigentlich viel lieber Vollwaise und Tramp gewesen wäre, bevor er sich auf den Höllentrip zum Popstar begab.
Heute wird er als in Würde gealterter Elder Statesman des Musikbiz geachtet, der es nicht lassen kann, weiterhin geile Songs zu schreiben, Alben zu produzieren, weise Kommentare in eigenen Radioshows abzugeben und für eine Unzahl von Konzerten 2/3 des Jahres rund um den Globus auf Achse zu sein. Doch meistens wird er in Ruhe gelassen. Es sei denn, ein Jubiläum, ein Benefizkonzert oder die Veröffentlichung von zweitklassigen Demos aus seiner musikalischen Frühzeit steht an - oder der 25. Teil seiner endlosen Autobiographie. Über seine Auftritte in Dessous-Werbespots oder die Verwendung seiner Songs in Kampagnen für Investmentbanken hüllen wir mal lieber den Mantel des Schweigens, und ob verkaufsfördernde TV-Interviews für ihn das geeignete Medium sind, wage ich zu bezweifeln. Dabei ist Bob Dylan immer noch für Skandale gut: Aktuell nimmt er auf seiner Homepage www.bobdylan.com Stellung zu seinen Konzerten in China. "Nein, es habe keine Zensur gegeben. Er hätte zwar eine Liste der Songs, die er spielen wollte, vorab abgeben müssen, aber es hätte keine Verbote gegeben. Auch wären die Eintrittskarten frei auf dem Markt verfügbar gewesen." Leider konnte man wohl davon ausgehen, dass 90% seines Publikums weder die Songs kannten, noch sie annähernd verstanden. Denn das fällt ja schon einem native speaker mehr als schwer... Also wird es im großen Reich der Mitte genauso gewesen sein, wie bei allen Konzerten rund um den Globus: Die Show lief, der Künstler war gut oder weniger gut drauf (ist auch egal), es gab Applaus, die Gage wurde gezahlt, das Hotel war gebucht und am nächsten Tag ging's weiter - the show must go on... ob political correctness oder nicht. Um sowas muss sich Bob Dylan eigentlich seit 1965 schon nicht mehr kümmern.
Aber wie schafft man es überhaupt, in einem für Popstars biblischen Alter von 70 überhaupt noch gehört zu werden. Denn, es handelt sich ja nicht um einen übrig gebliebenen Operettendandy wie Jopi Heesters, oder einen der unzähligen zahnlosen, schwarzen Bluesmusiker, die bekanntlich erst im Rentenalter richtig loslegen, weil es bei McDonalds keine Putzstellen mehr für sie gibt. Auch kann er nicht mit einer scheintoten Jugendlichkeit eines Keith Richards oder Mick Jagger mithalten. Nein, Mr. Bob Dylan ist musikalisch tief im grünen Bereich, was die Relevanz seines aktuellen Schaffens angeht. Klar, wir kennen alle die Songs, die ihn bekannt gemacht haben bis zum Erbrechen aus unzähligen Lagerfeuerabenden unserer Jugend. Doch singt er sie heute noch? Wenn ja, dann sind sie so kreativ bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, dass selbst die eingefleischten Dylanologen im Publikum erst mit den letzten Tönen des Songs dessen Titel auf ihre mitgebrachten Notizblöcke kritzeln können. Und sich dann wochenlang in Fanblogs über die geänderten Songpassagen oder Tonarten auslassen. Aber eigentlich kann man es dem Großmeister des Songwriting nicht verübeln, dass er bei der schier unendlichen Auswahl an Songs immer wieder die Auswahl trifft, auf die er scheinbar gerade Bock hat - scheißegal, ob da ein Publikum steht, dass 100 Euro Eintritt dafür gezahlt hat, damit er Blowin' In The Wind singt. Wer die besten Hits aus den 60ern bis heute hören möchte, sollte besser gleich ne Coverband buchen.
Wahrscheinlich ist Bob Dylan auch dieses Jahr (ab dem 16. Juni - und am 25. und 26.6. in Deutschland) nur deshalb ständig auf Tour, damit er seine eigenen Songs nicht vergisst - eine Art Alzheimer-Prophylaxe für alternde Rockstars eben. Denn, im Ernst, was soll er auch zu Hause rumhängen. Mit den Enkeln spielen? Babysitten, wenn Sohn Jakob seinen nächsten Grammy abholt? Sara beim Senioren-Yoga stören? Nein, Papa bleibt lieber ante portas und schickt ab und zu ne Ansichtskarte aus den unbekannten Metropolen der Welt. Inzwischen gehören ja sogar schon mittelgroße Städte wie Wetzlar oder Mainz zu seinen Auftrittsorten - und es gibt genug weiße Flecken auf dem Globus, wo er noch nicht gesungen hat (siehe China). Apropos singen: Seit "Time Out Of Mind" liegt auf seinen abgewetzten Stimmbändern soviel Patina, dass der Charme des Alters seine sonoren Krächzer mit einem ganz besonderen Flair umgibt. Fast schon ein Hamilton-Weichzeichner für die verwöhnten Ohren. Bleibt zu hoffen, dass Bob Dylan weiterhin sein Quantum Originalität im internationalen Musikzirkus beisteuern kann und sich auch im achten Jahrzehnt seines Lebens als ernstzunehmender Künstler gegen zuviel Beliebigkeit der breiten Unterhaltungsmasse behauptet. Ich wünsche ihm jedenfalls noch viele musikalische, gesunde und erfüllte Jahre.
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